Public Health in Ghana: Interview mit Prof. Frank Baiden
Bad Sooden-Allendorf/Ghana, 10. Juli 2026
Global Health in Lehre und Forschung stärken, interkulturelle Kompetenzen fördern, gemeinsame Module und Forschungsprojekte entwickeln: Das sind die Ziele der Zusammenarbeit zwischen der DIPLOMA Hochschule und der University of Health and Allied Sciences (UHAS) in Ghana.
Ausgangspunkt war eine vom DAAD geförderte Fact Finding Mission, die dem gegenseitigen Kennenlernen und ersten Kooperationsgesprächen diente. Auch erste Pilotveranstaltungen mit Studierenden sind bereits erfolgreich gelaufen. Langfristig sollen Austauschprogramme, gemeinsame Lehrangebote und Forschungsprojekte die Partnerschaft weiter vertiefen.
Wie das Gesundheitssystem in Ghana aufgestellt ist, warum nichtübertragbare Krankheiten dort zur zentralen Herausforderung werden und was beide Hochschulen voneinander lernen können, erklärt Prof. Dr. Frank Baiden im Gespräch mit Dr. Stefanie Winkler-Hahn. Baiden ist Arzt, Epidemiologe und Dekan der Fred N. Binka School of Public Health an der UHAS.
Vom Medizinstudium zur Public-Health-Forschung
Professor Baiden, was hat Sie persönlich dazu motiviert, im Bereich Public Health zu arbeiten?
Mein Interesse entstand während des Medizinstudiums. Ein Professor gründete an unserer Einrichtung einen Forschungsclub, dem sich nur ein weiterer Student und ich anschlossen. Die wöchentlichen Treffen weckten meine Begeisterung für Forschung und dafür, zum wissenschaftlichen Verständnis beizutragen.
Eine wichtige Verbindung führte nach Deutschland: Nach meinem medizinischen Praktikum in Ghana erhielt ich ein Stipendium für ein Diplomstudium in Internationaler Gesundheit an der Charité in Berlin. Dort hörte ich viel über Gesundheitsforschung im Norden Ghanas und fragte mich, warum Forschende weltweit mehr darüber wussten als ich selbst. Nach meiner Rückkehr ging ich deshalb an das Navrongo Health Research Centre und verband dort klinische Arbeit mit Forschung. So führte mein Weg über die Forschung in die öffentliche Gesundheit.
Forschung zwischen Ghana, WHO und internationaler Zusammenarbeit
Erinnern Sie sich an Ihr erstes Forschungsthema?
Ja. Eine Vorlesung über Notfallverhütung brachte mich zu der Frage, warum trotz verfügbarer Möglichkeiten weiterhin so viele Frauen unter den Folgen unsicherer und septischer Abtreibungen litten. Daraus entstand mein erstes Forschungsprojekt zum Wissen über und zum Zugang zu Notfallverhütung. Zu dieser Zeit gab es dazu nur wenige Studien aus Afrika.
Später koordinierte ich für die Weltgesundheitsorganisation eine klinische Studie in Tansania, Uganda, Sambia und Südafrika. Vor Ort stellte sich heraus, dass zentrale Grundlagen – vom Protokoll bis zu Einwilligungserklärungen und administrativen Vereinbarungen – noch entwickelt werden mussten. Diese Aufgabe zeigte mir früh, wie komplex internationale Public-Health-Forschung ist. Zugleich konnte ich eng mit der WHO, nationalen Gesundheitsprogrammen und führenden Forschungseinrichtungen in Afrika zusammenarbeiten.
Eine Erkenntnis gebe ich jüngeren Fachkräften bis heute weiter: Es lohnt sich, die eigene Komfortzone zu verlassen. Gerade anspruchsvolle Aufgaben eröffnen oft die größten Lernchancen.
Aktuelle Herausforderungen für die öffentliche Gesundheit in Ghana
Was sind aus Ihrer Sicht die größten Public-Health-Herausforderungen in Ghana, und woran forschen Sie in diesem Zusammenhang?
Ghanas Gesundheitssystem wurde historisch stark auf die Prävention und Bekämpfung von Infektionskrankheiten ausgerichtet. Dieser Ansatz war angesichts von Malaria, Tuberkulose, Durchfallerkrankungen, Masern und Meningitis nachvollziehbar. Nichtübertragbare Krankheiten, Rehabilitation und Lebensqualität wurden jedoch lange vernachlässigt und bislang nur unzureichend in die primäre Gesundheitsversorgung integriert.
Ist sich die Regierung dieser Notwendigkeit bewusst?
Ja. Nun muss die Forschung dabei helfen, die primäre Gesundheitsversorgung so weiterzuentwickeln, dass sie neben Infektionskrankheiten auch Bluthochdruck, Diabetes, Krebs, Schlaganfälle und Unfallfolgen berücksichtigt. Viele Menschen erfahren beispielsweise erst durch schwere Komplikationen, dass sie an Bluthochdruck leiden. Vorsorgeuntersuchungen sind noch nicht flächendeckend verfügbar, und auch Rehabilitation sowie Hilfsmittel werden von der Krankenversicherung häufig nicht abgedeckt.
Meine Arbeit konzentriert sich deshalb darauf, wie Ghana nichtübertragbare Krankheiten besser verhindern und zugleich Lebensqualität sowie Rehabilitation stärken kann.
Ghana und Europa: Unterschiede in den Gesundheitssystemen
Welche Unterschiede sehen Sie zwischen den Gesundheitssystemen in Ghana und Europa?
Ein zentraler Unterschied liegt in der Steuerung und Dezentralisierung. In vielen europäischen Ländern verfügen Kommunen und Regionen über größere Handlungsspielräume und können Leistungen an lokalen Bedürfnissen ausrichten. Ghana ist formal dezentral organisiert, in der Praxis bleiben Entscheidungen und Ressourcen jedoch stark zentralisiert.
Hinzu kommen weniger gut ausgebaute lokale Meldesysteme. Verlässliche Bevölkerungsdaten erleichtern die Planung von Gesundheitsversorgung, Abwasserentsorgung und Abfallwirtschaft. Fehlen solche Informationen, wird eine bedarfsgerechte Versorgung schwieriger. Aus meiner Sicht sollten Kommunalverwaltungen mehr Verantwortung für das Gesundheitssystem erhalten.
Nicht jede Entwicklung in anderen Ländern ist jedoch übertragbar. Eine zunehmend testorientierte Versorgung kann Kosten erhöhen, ohne die Behandlungsergebnisse entsprechend zu verbessern. Ähnliche Tendenzen beobachte ich mit Sorge auch in Ghana.
Das könnte die soziale Gerechtigkeit gefährden.
Genau. Gesundheitsversorgung darf die Mehrheit der Bevölkerung nicht ausschließen.
Berufsperspektiven und praxisorientierte Ausbildung
Welche Karrierewege stehen Absolventinnen und Absolventen im Bereich Public Health offen?
Public Health bietet vielfältige Perspektiven, etwa in Prävention, Gesundheitsförderung, Rehabilitation, Sozialarbeit, Sanitärversorgung, Hygiene und kommunalen Gesundheitsdiensten. In Ghana besteht allerdings eine Diskrepanz zwischen den vermittelten Kompetenzen und den Strukturen des Gesundheitssystems. Zudem erwarten viele Absolventinnen und Absolventen traditionell eine Stelle im öffentlichen Dienst.
An der Fred N. Binka School of Public Health integrieren wir deshalb Unternehmertum stärker in die Ausbildung. Studierende sollen lernen, eigene Dienstleistungen, Initiativen und Unternehmen zu entwickeln, die öffentliche Gesundheitsbedarfe aufgreifen und zugleich nachhaltige Berufsperspektiven schaffen.
Sollen Ihre Studierenden eher praktisch arbeiten, forschen oder beides verbinden?
Wir möchten beides ermöglichen. Public Health ist eine anwendungsorientierte Disziplin und erfordert die direkte Auseinandersetzung mit realen Herausforderungen. Deshalb suchen wir Partnerschaften mit Organisationen, Unternehmen und Institutionen, die praktische Lernmöglichkeiten bieten.
Perspektiven der Zusammenarbeit zwischen UHAS und DIPLOMA
Welche Möglichkeiten sehen Sie in der Zusammenarbeit mit der DIPLOMA Hochschule?
Besonders interessant ist für uns die starke praxis- und berufsorientierte Ausrichtung der DIPLOMA Hochschule. Unsere Ausbildung war traditionell stark von Theorie, Forschung und akademischen Prinzipien geprägt. Künftig sollen sich Studierende früher und intensiver mit Communities und konkreten Public-Health-Herausforderungen auseinandersetzen.
Durch die Partnerschaft können wir von den Erfahrungen der DIPLOMA Hochschule lernen und praktische, berufsbezogene Elemente stärker in unsere Studiengänge integrieren. Gleichzeitig bietet der Austausch beiden Seiten die Chance, globale Gesundheit aus unterschiedlichen Perspektiven zu erleben.
Über den Studierendenaustausch hinaus sehen wir Potenzial für gemeinsame Projekte, Lernangebote und Forschungsinitiativen.
Das passt sehr gut zu unserer aktuellen Studienstruktur. Unsere Studierenden haben inzwischen fast zwei akademische Jahre Zeit, ihre Forschungsarbeiten zu entwickeln. Dadurch entstehen gute Voraussetzungen für längerfristige gemeinsame Projekte mit Studierenden der DIPLOMA Hochschule.
Vielen Dank für das Gespräch. Wir freuen uns auf die weitere Zusammenarbeit und Ihren Besuch in Deutschland.
Vielen Dank.
Prof. Dr. Frank Baiden, Arzt, Epidemiologe und Dekan der Fred N. Binka School of Public Health an der UHAS in Ghana.
Dr. Stefanie Winkler-Hahn ist die Projektleiterin der Kooperation zwischen beiden Hochschulen.