Musik als Quelle der Erneuerung
Interview: Prof. Dr. Kathrin Rothenberg-Elder im Gespräch mit Marcel Kramer
Musik an der Diploma.... Wo steht denn hier das Klavier? Ok - keine Klaviere an der DIPLOMA. Aber jede Menge Musik doch: Denn vielen ist die aktive Beschäftigung mit Musik teuer. Und sie hat doch auch etwas zu tun mit musikalischen Prinzipien und damit, wie wichtig Musik als Quelle der Erneuerung werden kann...
Kathrin Rothenberg Elder (KRE): Lieber Herr Kramer, inwiefern ist unsere Hochschule musikalisch?
Marcel Kramer (MK): Zunächst einmal herzlichen Dank für die Einladung und Ihr Interesse an meiner Perspektive. Wenngleich Musik in den pädagogischen sowie gestalterischen Fächern natürlich immer irgendwo eine Rolle spielt, sind wir in erster Linie keine Musikhochschule, das ist wahr. Dennoch handelt es sich bei unserer Hochschule organisatorisch um eine komplexe Gestalt, deren diverse funktionelle Organe sowohl autonome Systeme darstellen, als auch möglichst optimal miteinander interagieren oder – wenn man es so ausdrücken mag – konzertieren müssen. Ohne jetzt allzu überstrapazierte Metaphern bemühen zu wollen, liegt zumindest von der strukturellen Komplexität her der Vergleich zu einem Orchester schon nahe. Alle Sektionen oder Abteilungen haben dabei unter zentraler Leitung jeweils unterschiedlichse, aber dennoch gleichrangige Funktionen, deren Ergebnis oder Wirkung idealerweise Adressat:innen begeistern sollte. Und in beiden Fällen ist es dafür notwendig, dass das Resultat am Ende eben mehr transportiert als die Summe seiner Teile. So abwegig scheint mir der Vergleich insofern nicht. Abgesehen davon beschäftigen wir viele musikalisch interessierte und tätige Mitarbeiter:innen.
KRE: Ich bin mir sicher, dass musische, künstlerische Betätigung – wenn auch nur im Privaten – sich immer auch förderlich auf den beruflichen Alltag auswirkt. Für viele ist Musik eine Kraftquelle. Macht es denn wirklich etwas aus, ob wir selbst spielen oder ob wir nur Musik zuhören?
MK: Das kann ich vermutlich gar nicht unvoreingenommen beantworten. Da ich seit meinem siebten Lebensjahr Musikinstrumente spiele, fehlt mir schlicht die Erinnerung an einen Zeitpunkt, zu dem es mir möglich war, Musik einfach völlig unvorbelastet hören zu können.
Gerade wenn man kompositorisch tätig ist, stößt das Hören von Musik unweigerlich Reflexionsprozesse hinsichtlich des eigenen Schaffens an. Fluch und Segen des Musikmachens, ist für mich zweierlei, kreative Selbstverwirklichung und Ventil der Verarbeitung. Das ist natürlich etwas Wundervolles.
Eine Kraftquelle ist Musik für mich aber hauptsächlich dann, wenn es gelingt, sie einfach nur zu genießen. Und das kann Menschen, die sich selbst nicht oder kaum musikalisch betätigen, vielleicht sogar einfacher gelingen. Also Augen zu und Ohren auf.
KRE: Sie haben einen hoch anspruchsvollen Job in der Akkreditierungsabteilung bei der DIPLOMA. Wann finden Sie überhaupt Zeit dazu, Musik zu machen?
MK: Um Ihre Frage beantworten zu können, muss ich zunächst zwei Arten des Musizierens differenzieren. Da wäre zum einen das improvisierte Spontanspiel auf dem Klavier – für mich eine Art der Meditation. Es sind diese Momente, in denen ich mich ans Klavier setze, die Augen schließe und einfach drauflos spiele, ohne dabei ein Ziel oder einen konkreten Zweck zu verfolgen. Solche Improvisationen sind grundsätzlich immer dann möglich, wenn Zeit dafür ist, am Abend oder am Wochenende. Der andere, weitaus strapaziöse Fall ist das kompositorischproduktive Schaffen, dessen Ziel konkrete Resultate sind. Auch hierbei entstehen die Ideen fast immer aus Improvisationen. Man fühlt dann in der Situation, ob es sich lohnen könnte, eine Idee zu einer Komposition auszuarbeiten. Und wenn sich dieses Gefühl erst einmal eingestellt hat, ist leider jegliches meditative Geschehen hinfällig. Das Gehirn beginnt unweigerlich, sich an die Arbeit zu machen. Dies kann mitunter quälend sein, denn es duldet selbst in der ungünstigsten Situation kaum Aufschub. Außerdem laufen solche Prozesse unterbewusst auch dann fort, wenn man die Aufmerksamkeit längst auf etwas anderes gerichtet hat. Die Grenzen zwischen entspannender Improvisation und arbeitsamen Stunden sind also fließend. Insofern ließe sich Ihre Frage vielleicht wie folgt beantworten: Die Zeit, um Musik zu machen, nehme ich mir, wann immer es mir ein Bedürfnis ist. Mitunter diktiert mir aber auch die Musik, wann ich Zeit zu haben habe.
KRE: Was sind die Themen, die Sie lieber in Musik ausdrücken? Warum und wie?
MK: Diese Haltung mag zwar nicht sonderlich populär sein, aber ich probiere z. B. tagesaktuelle Themen aus meiner Musik weitgehend auszusparen. Was nicht bedeutet, dass ich z. B. nicht politisch interessiert wäre. Ganz im Gegenteil. Allerdings bin ich der Auffassung, dass musikalische Veröffentlichungen idealerweise etwas Langlebiges sein sollten, das man auch nach Jahren noch gerne wieder hört. Deswegen finde ich es viel authentischer, autobiografische Themen zu behandeln, die einen langfristig emotional bewegen und begleiten. Das können private Schicksalsschläge wie Krankheiten, Verlust, aber auch zwischenmenschliche Entwicklungen sein. Ebenso haben natürlich gesellschaftliche, sozio-kulturelle und auch philosophische Aspekte immer irgendwo Einfluss auf das Schaffen eines jeden Künstlers. Es macht mir Freude, Rückmeldungen von Hörer:innen darüber zu bekommen, was sie beim Hören meiner Musik bewegt hat und mit welchen autobiografischen Themen sie meine Musik womöglich verknüpfen. Dafür ist es völlig unerheblich, was ich mir selbst dabei gedacht haben mag. Es ist ein Balanceakt, gleichermaßen nicht zu beliebig und nicht zu konkret zu werden.
KRE: Viele denken ja, dass man als Kind anfangen muss, Musik zu machen, und sonst würde es keinen Sinn mehr machen. Was würden Sie jemandem raten, der jetzt tatsächlich ernsthaft vorhat, Musik selbst zu machen. Wie könnte man als Erwachsene:r beginnen?
MK: Was uns in jungen Jahren sicherlich leichter fällt, ist die Ausbildung der motorischen Fähigkeiten. Kognitiv gibt es meiner Auffassung nach aber keine altersabhängigen Einschränkungen. Obwohl Lernprozesse in unterschiedlichen Altersstadien unterschiedlich funktionieren, wissen wir mittlerweile, dass das Gehirn auch in höherem Alter durch seinen reichhaltigen Erfahrungsschatz ebenso effizient zu lernen imstande ist, teils sogar effizienter. Die bedeutendste Variable für das Gelingen ist die Begeisterung. Insofern ist der Spaß, den es macht, erste hörbare Erfolge auf einem Instrument zu erleben, das Allerwichtigste. Andererseits bin ich aber auch davon überzeugt, dass man ohne eine gewisse musiktheoretische Bildung schneller an seine eigenen Grenzen stoßen wird als mit. Natürlich ist auch autodidaktisches Lernen immer möglich. Um herauszufinden, ob ein Instrument einen auch längerfristig interessieren könnte, gibt es zudem ein riesiges Angebot an Online-Tutorials. Falls man ein Instrument dann aber wirklich ernsthaft erlernen möchte, empfehle ich dennoch, Unterricht zu nehmen.
Ausgebildete Instrumentalpädagog:innen haben ganz andere didaktische Möglichkeiten, einen beim Erlernen zu unterstützen, insbesondere was die Technik am Instrument anbelangt. Als Autodidakt macht man sich dabei oftmals selbst das Leben und Lernen schwer. Wichtig ist beim Instrumentalunterricht aber, dass die Chemie zwischen Schüler:innen und Lehrer:innen stimmt. Denn sonst ist es um den Erfolgsfaktor Spaß nicht sonderlich gut bestellt.
Illustration: Veronika Herberger | veronika.herberger@gmail.com