Zwischen Tomatenkeimlingen und Content-Ökosystem

Prof. Dr. Kathrin Rotenberg-Elder, Dr. Carsten Kolbe und Prof. Dr. Andreas Lanig im Gespräch 

War das DIPLOMAgazin nur ein nettes Hochschulheft – oder in Wahrheit der emotionale Maschinenraum einer virtuellen Hochschule? In diesem Rückblick sprechen die Gründer:innen und langjährigen Macher des Magazins, Prof. Dr. Kathrin Rothenberg-Elder (KRE), Dr. Carsten Kolbe (CK) und Prof. Dr. Andreas Lanig (AL) über Samen, Schreibmut, Familientradition, Werte, Print als Geschenk und die Frage, warum echte Sichtbarkeit gefährlicher und kostbarer ist als jede Imagekampagne. Mit am Tisch: „Frau Archivar“, eine synthetische Stimme aus dem Magazinarchiv.

KRE: Bevor wir anfangen, sollten wir vielleicht noch einmal sagen, worum es uns eigentlich geht. Mich interessiert, was dieses Magazin gewesen ist – und was davon bleibt.

CK: Ja, genau. Für mich ist das keine reine Bilanz. Das DIPLOMAgazin war immer auch ein Gegenraum zum Alltag, ein Ort für Inspiration. Es hat die Vielfalt der Hochschule sichtbar gemacht – Studierende, Lehrende, Mitarbeitende, all diese Stimmen. Und deswegen ist für mich die eigentliche Frage: Welche Saat ist da gelegt worden? Was kann daraus noch wachsen?

KRE: (lacht und zeigt auf die Fensterbank): Deine Tomatenkeimlinge wachsen ja gerade bei mir. Insofern ist die Saat ganz konkret aufgegangen.

Das passt eigentlich ganz gut. Sozialer Kitt ist in Teams ja genauso wichtig wie die Arbeitsebene.

Carsten Kolbe

AL: Und vielleicht ist das schon der Kern. Das Magazin war nie einfach nur ein Produkt. Es war eher ein Versuch, an einer virtuellen Hochschule etwas Verbindendes zu schaffen. Nicht nur Informationen, sondern Geschichten. Nicht nur Struktur, sondern Atmosphäre.

KRE: Die Ursprungsidee kam tatsächlich aus einer ganz anderen Ecke. Ich habe in Köln über Jahre eine kleine Lyrikzeitschrift gemacht, ein monatliches Faltblatt. Und irgendwann hatte ich den Gedanken: Warum nicht etwas Ähnliches für die Hochschule? Also einen Raum, in dem Menschen sichtbar werden mit dem, was sie schreiben, zeichnen, gestalten, denken.

AL: Und genau das war wichtig: weg von einer reinen Hochschul- oder Marketingrhetorik, hin zu einer anderen Art des Sprechens. Das Magazin sollte keine glatte Selbstdarstellung sein, sondern ein Ort, an dem unterschiedliche Stimmen überhaupt erst hörbar werden.

CK: Frau Archivar, wenn Sie das aus den Ausgaben zuspitzen müssten – was war das DIPLOMAgazin?

Frau Archivar: Eine vielstimmige, partizipative Plattform. Kein Hochglanzblatt, sondern ein Raum für Heterogenität, persönliche Lernwege und kritische Auseinandersetzung.

KRE: Das finde ich ganz treffend. Und diese Vielstimmigkeit ist nicht von allein entstanden. Wir haben nie einfach nur gewartet, dass Beiträge hereinkommen. Ich bin ehrlich: Ich bin mit einem Talentsuchradar durch meine Lehrveranstaltungen und Teamsitzungen gegangen. Ich habe Kolleginnen gefragt, wen sie empfehlen würden. Ich habe genau hingeschaut: Wer hat eine Stimme, die sonst in dieser Hochschule gar nicht sichtbar wird?

CK: Das musste auch so sein. Drei Viertel unserer Studierenden sind virtuell unterwegs. Da stellt sich ja sofort die Frage: Wie entsteht unter solchen Bedingungen Gemeinschaft? Wie werden Werte transportiert? Wie entsteht Motivation? Für mich war das Magazin da so etwas wie ein Dreh- und Angelpunkt, fast wie ein Netz, das diese Hochschule zusammenhält.

Und es ging immer auch darum, Menschen einen Schritt nach draußen zu ermöglichen.

Kathrin Rothenberg-Elder

KRE: Also weg von: „Ich probiere etwas auf meinem Computer aus“, hin zu: „Ich trete damit in die Öffentlichkeit.“ Das ist ja nicht nur fachlich wichtig, sondern auch biografisch.

CK: Genau. Viele unserer Studierenden sitzen abends noch am Schreibtisch, nach Arbeit, Familie, Alltag. Und wenn sie dann im Magazin lesen, wie andere mit Umwegen, Zweifeln, Krisen oder auch kleinen Erfolgen umgehen, dann ist das nicht bloß nett. Das gibt Hoffnung. Das gibt Kraft. Das hilft beim Dranbleiben.

KRE: Wir sind als Hochschule Teil von Bildungsbiografien. Das vergisst man leicht. Aber wir setzen Spuren, wir pflanzen Samen. Und manchmal ist die entscheidende Erfahrung eben nicht nur: Ich habe einen Abschluss geschafft. Sondern: Ich kann das. Ich bin jemand, die oder der etwas zu sagen und zu zeigen hat.

CK: Schreiben ist ein Selbsterkenntnisprozess. Und ich glaube wirklich, dass das Magazin für manche wie eine kleine Schreibwerkstatt war – ein Übergang zur Hausarbeit, zur Bachelor- oder Masterarbeit, auch durch die redaktionelle Arbeit mit uns.

Frau Archivar: Das praktische Mitwirken am Magazin machte Arbeit öffentlich sichtbar. Es stärkte Selbstvertrauen, professionelles Handeln und Vernetzung.

Da wurde ja nicht nur „für die Schublade“ gearbeitet. Typografie, Bildsprache, Heftdramaturgie – das war alles reale Praxis.

Andreas Lanig

AL: Und besonders in den Gestaltungsstudiengängen war das natürlich zentral.

KRE: Gleichzeitig war das Magazin nie nur eine Bühne für Studierende. Für mich waren auch die freiberuflich Lehrenden wichtig – ein riesiger Schatz der DIPLOMA, der oft im Schatten steht. Das Magazin hat ihnen Sichtbarkeit gegeben. Und genauso den vielen Mitarbeitenden, die im Alltag kaum jemand wahrnimmt, ohne die die Hochschule aber gar nicht laufen würde.

CK: Ja, Lehrplanung, Prüfungsamt, all diese Bereiche. Das war eben auch Wertearbeit: zu zeigen, wer sonst unsichtbar bleibt.

AL: Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Stärke. Das Magazin war eine Form von kultureller Selbstverständigung. Es hat gezeigt, wie diese Hochschule sich selbst sehen will – und wo sie sich von anderen unterscheidet.

CK: Gerade im Markt der privaten Hochschulen ist das nicht nebensächlich. Es gibt genug Modelle, die auf Wachstum, Standardisierung und Kapitalinteressen setzen. Unser Anspruch war ein anderer: mehr Wertebindung, mehr persönliche Nähe, mehr menschlicher Ton.

KRE: Und deshalb war das Magazin auch etwas anderes als Werbung. Es war nicht dieses: „Hier wird euch etwas verkauft.“ Eher das Gegenteil. Man konnte es jemandem in die Hand geben wie ein Geschenk. Etwas, das Authentizität ausstrahlt.

Wer oder was ist „Frau Archivar“?
„Frau Archivar“ ist keine reale Person, sondern eine von Andreas Lanig ins Gespräch erstellte synthetische Interviewpartnerin. Im Gespräch beschreibt er sie als ein Custom-GPT, das mit den PDF-Ausgaben des DIPLOMAgazins gefüttert wurde. Ihr Auftrag: vor jeder Antwort die Ausgaben zu prüfen, das Magazinarchiv zu „scannen“ und auf dieser Grundlage kurz und pointiert zu reagieren. Sie versteht sich selbst ausdrücklich als archivgebunden: keine freie Internetrecherche, keine Behauptungen ohne Beleg. Im Gespräch wird sie so zur vierten Stimme am Tisch – und zugleich zum Kontrast zu den drei menschlichen Redakteur:innen.

CK: Ich habe die Printausgaben ja auch genau so benutzt – in China, in Ghana, bei Kooperationen. Nicht als Werbeflyer, sondern als etwas, das Hochschule greifbar macht. Sogar für den Deutschunterricht könnte so ein Heft ja noch eine Rolle spielen.

KRE: Und es hat Leitung nahbar gemacht. Viele Studierende begegnen Menschen wie Prof. Dr. Michaela Zilling oder Prof. Dr. Andreas Blindow ja nie persönlich. Durch die Interviews wurden diese Personen überhaupt erst als Menschen sichtbar.

CK: Führung ist Vertrauen. Und man kann Menschen nur vertrauen, wenn man sie kennt. Wenn Leitung anonym bleibt, dann müssen andere diese Leerstelle ausgleichen.

Frau Archivar: In den Interviews mit Andreas Blindow und Uwe Völkening wird Führung nicht abstrakt, sondern als gelebte Identität sichtbar.

AL: Und natürlich gibt es auch die Marketingfrage. Wenn das Magazin endet, was bleibt dann davon?

Es hat Werte sichtbar gemacht, Community eingebunden und Reputation aufgebaut. Die Frage ist nun, wie dieser Content-Ansatz weitergeführt wird.

Frau Archivar

CK: Also: nicht bloß aufhören, sondern übersetzen.

KRE: Genau. Die Form kann sich ändern. Aber die eigentliche Aufgabe bleibt: Dialog ermöglichen, Menschen sichtbar machen, Verbindung stiften.

CK: Dann vielleicht zum Schluss: Was könnte daraus entstehen?

Frau Archivar: Podcasts, Diskussionsreihen, hybride Formate, gemeinsame Plattformen.

AL: Das klingt technisch. Aber der Punkt ist ja ein anderer: Die Form ist offen. Entscheidend ist, dass dieses Gespräch nicht verstummt.

KRE: Ja. Kein Schlussstrich. Eher die Frage, welche Samen jetzt aufgehen.

 

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Themenlandkarte des DIPLOMAmagazins 2021–2025 – erstellt von „Frau Archivar“ als archivgebundene Auswertung aller Artikel seit dem Sommersemester 2021 und als Gesprächsfolie für das Interview „Zwischen Tomatenkeimlingen und Content-Ökosystem“.

Themenlandkarte des DIPLOMAmagazins 2021–2025 – erstellt von „Frau Archivar“ als archivgebundene Auswertung aller Artikel seit dem Sommersemester 2021 und als Gesprächsfolie für das Interview „Zwischen Tomatenkeimlingen und Content-Ökosystem“.

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