Links, zwo, links, zwo, … ach, nee … Stop mal.
Text: Ralf Hinrichs
Mein bisheriger Lebensweg ist nicht im optimalen Gleichschritt verlaufen. Am Anfang fehlten mir der familiäre Rückhalt und wirklich Sicherheiten. Ich wurde ein Rebell.
Im Alter von 14 Jahren entschloss ich mich, bis zu meiner Volljährigkeit unter anderem in zwei verschiedenen Pflegefamilien aufzuwachsen.
Ich arbeite bei der Bundeswehr und studiere Sozialmanagement an der DIPLOMA Hochschule. Wie passt das zusammen? In der gesamten Zeitspanne lernte ich bereits unbewusst viel über die Organisation und Träger der Sozialen Arbeit. Wie arbeitet ein Jugendamt? Inwiefern können Supervisionen die fachlichen und sozialen Kompetenzen von Pflege-/ und Adoptiveltern weiter schulen?
Ich sammelte durch eine Vielzahl von Umzügen, Schul- und Freundeskreiswechseln sowie diverse Veranstaltungen zur Harmonisierung von Familienleben praxisbezogenes Wissen aus der Pädagogik. Ich habe mich selbst kennengelernt.
Nach und nach gelang es mir, in unterschiedlichen Bereichen gute Leistungen zu erzielen, sodass ich beispielsweise als Spätzünder doch noch das Abitur schaffte.
Bereits zu dieser Zeit finanzierte ich meine erste Wohnung sowie meinen alltäglichen Bedarf mit Halbwaisenrente, BAföG und Kindergeld. Meine wirtschaftlichen Sprünge waren sehr klein. Mehr oder weniger drehte ich jeden Euro zweimal um. Deshalb wollte ich nach meiner Schulzeit vorrangig Geld verdienen, um meine Freiheit blumiger ausleben zu können.
Vom Rebell zum Offizier
Für mich war die Offizierslaufbahn bei der Bundeswehr mit integriertem Studiengang M.A. Bildungs- und Erziehungswissenschaften damals ein geeigneter Weg, um in das Berufsleben einzusteigen.
Über langfristig wirksame Fragen, was es wirklich heißt, Soldat zu sein oder inwiefern das Militär mein Leben einschränken oder bereichern wird, habe ich mir zunächst wenig Gedanken gemacht.
Ich ließ es auf mich zukommen. So vergingen elf intensive und tolle Jahre. Ich führte Tätigkeiten durch, die dem Klischee des Soldaten zugeschrieben werden. Sie waren aber auch die Grundlage für aufbauende, fördernde und fordernde Tätigkeiten in Bereichen der Menschenführung oder, wie aktuell, in der Öffentlichkeits- und Informationsarbeit.
Einerseits hat sich im Laufe meiner akademischen und militärischen Ausbildung sowohl der persönliche Mehrwert als auch die berufliche Intention klarer herauskristallisiert. Andererseits bemerke ich, dass die festen hierarchischen Strukturen für die Entfaltung meiner Persönlichkeit teilweise zu starr sind.
Die Bundeswehr bietet eine normierte Karriereleiter an. Ich weiß, wo ich bspw. in 10 Jahren mit welchen Aufgaben stehen werde. Ich möchte aber lieber eigene Strukturen aufbauen, in denen ich meine Stärken und Fähigkeiten gemeinnützig zur Verfügung stellen kann.
Ich werde mich mit einem betreutem Wohnheim selbstständig machen.
Ich will gemeinsam mit anderen Menschen an greifbaren Visionen arbeiten und Bedürftigen die Hände reichen. Die Arbeit mit Menschen und die Fürsorge für andere sind Teil meiner intrinsischen Motivation. Natürlich sind bei so einem großen Vorhaben viele Einflüsse zu beachten, sodass ich mich unter anderem für ein weiteres M.A. Studium in Sozialmanagement an der DIPLOMA Hochschule entschieden habe. Ich bin guter Dinge, dass mir die Lehre des Sozialmanagements nützliches Handwerkszeug an die Hand geben wird, um den roten Projektfaden professionell und bedarfsgerecht zu untermauern. Insbesondere der betriebswirtschaftliche Bereich, d.h. der Umgang mit Zahlen, Leistungen und bürokratischer Verwaltung sowie Leitfäden des Entrepreneurships sind wesentliche Inhalte, die mein Know-how erweitern werden.
Vorher hatte ich bereits eine Ausbildung zum Psychosozialen Prozessbegleiter/Fachpädagogen für Psychotraumatologie absolviert. Ich plane, meine Fähigkeiten mit der Ausbildung zum Psychotherapeuten abzurunden.
Viele Köche verderben den Brei
Ich möchte das Wohnheimprojekt in einem möglichst kleinen Kreis verwirklichen. Wenn wenige Menschen viel Wissen zusammenführen, bedarf es weniger externer (teurer) Fachexperten, was viele Vorteile hat. Deswegen erwerbe ich viel Wissen.
Wie so oft fängt es dabei mit einfachen Fragen an: Wie lese ich das Sozialgesetzbuch? Was heißt das für die Praxis? Welche Akteure / Institutionen / Steuern und Regelungen muss ich beachten? Gibt es staatliche Fördermittel?
Was kann ich zurückgeben?
Mein anvisierter Weg soll auch meine Dankbarkeit widerspiegeln. Zudem möchte ich meinen Horizont gerne auch über den militärischen Kosmos hinaus erweitern, sowie mich in der sozialen Marktwirtschaft beweisen. Ich habe Gefallen daran, Neuland greifbar zu konstruieren. Den neuen Herausforderungen stehe ich demütig und respektvoll, doch genauso angespornt wie lernwillig gegenüber. Ich habe viele bildhafte Ideen zur Umsetzung.
Ohne die Wertschätzung bestimmter Persönlichkeiten sowie das in meinem Falle stabile Netz der Sozialen Arbeit wäre mein jetziger Werdegang womöglich anders verlaufen. Auf der Grundlage meiner persönlichen Erfahrungen möchte ich konstruktiv und nachhaltig etwas aufbauen und zurückgeben. Meine emotionale Intelligenz, Energie und Freude an Kommunikation möchte ich wirken lassen, damit Bedürftige neuen Mut schöpfen und den Tag mit einem Lächeln beginnen können.
Nach Dienstschluss innehalten – auf dem Feld sammele ich Kraft und Visionen für das eigene Wohnheim.
Elf Jahre Bundeswehr: Als Offizier im UN-Sicherheitsrat-Saal sammelte ich Führungserfahrung für kommende soziale Projekte.
Spaziergang mit meinem treuen Begleiter, bevor die nächste Lerneinheit ansteht.
Zwischen Kasernentor und Campus: Die Illustration bringt meinen Weg vom Soldaten zur sozialen Arbeit im geplanten Wohnheim auf einen Blick zusammen. Illustration: Alexander Auffermann