Auf Sendung – trotz Schmerz, Stress oder Stigma. Wie die DIPLOMA Menschen mit Beeinträchtigungen Raum gibt
Text: Dr. Birgit Lutzer
Wie im „echten“ Leben arbeiten und studieren an der DIPLOMA Hochschule Menschen mit Einschränkungen oder Behinderungen. Die Online-Lehre und der inklusive Ansatz der DIPLOMA kommen all denen entgegen, die zeitweise oder dauerhaft weniger „funktionieren“ als andere.
Dabei ist die Vielfalt der Einschränkungen und Behinderungen groß – körperlich, psychisch, neurodivergent, chronisch krank. Manche sind sofort erkennbar, andere erst auf den zweiten oder dritten Blick. Und doch bestimmen sie den Alltag, das Studium und die Lehre der Betroffenen.
Ein Professor berichtet:
Ich bin gehbehindert und bewegungseingeschränkt. Neulich musste ich mit der Bahn samt allen Unterlagen zum Kompaktseminar ins 800 Kilometer entfernte Görlitz fahren. Das war eine echte sportliche Herausforderung.
Dr. Carsten Rensinghoff, Professor für Heilpädagogik und inklusive Pädagogik
Rensinghoff ist dankbar für die Möglichkeit der Online-Lehre an der DIPLOMA. Damit entfalle etwa die Parkplatzsuche an der Uni und der Ärger, wenn der Behindertenparkplatz wieder einmal von anderen Fahrzeugen blockiert sei. Umso wichtiger ist für ihn eine flächendeckende Internetverbindung, die an manchen ländlichen Orten fehle. Seine Lehrtätigkeit an der DIPLOMA bereitet ihm Freude und gibt ihm durch zahlreiche positive Rückmeldungen viel Energie. „Ich wurde zum Tutor des Jahres 2026 nominiert. In der Begründung steht, dass die eigene Behinderungserfahrung in den Lehrveranstaltungen positiv bewertet wird.“
Ebenfalls mit einer sichtbaren Behinderung lebt ein Lehrender, der von Geburt an blind ist. Er sagt
Für mich ist es sinnlos, meine Behinderung verstecken zu wollen. Man sieht es mir an, sobald ich mich tastend und vorsichtig in einem unbekannten Raum bewege. Nur so kann ich mir ein Bild von den örtlichen Gegebenheiten und den Anwesenden machen.
Dipl.-Psych. Dr. Arne Harder, Professor für UX-Design
Die vielen Online-Studienangebote der DIPLOMA kommen dem Dozenten sehr entgegen. Doch auch deren Anwendung musste er lange üben. Seine Behinderung wirkt sich direkt auf seine Lehrveranstaltungen aus: Harder betont, Studierende müssten sich auf genaues Zuhören einlassen. „Und vieles geht immer noch nicht für mich. Studierende werden mir weiterhin vorlesen müssen, was sie notieren, und auch ich muss dann natürlich aufmerksam zuhören.“
Auch das Studieren hat Besonderheiten für Behinderte. Die Grafik-Design-Studienabsolventin Antje Schulz ist von Geburt an schwerhörig. Die Entscheidung für die DIPLOMA Fernhochschule fiel der vierfachen Mutter leicht: „Hier konnte ich flexibel lernen.“ Bei den Online-Vorlesungen trug sie über ihren Hörgeräten klassische Kopfhörer, mit denen sie etwa 60–80 % des Gesagten gut verstand.
Eine besondere Herausforderung waren Beiträge von Mitstudierenden mit schlechter oder sehr leiser Mikrofonqualität. Um die Vorlesung nicht zu unterbrechen, konzentrierte ich mich – sofern die Kamera eingeschaltet war – auf das Lippenlesen.
Antje Schulz, Absolventin des Grafik-Design-Studiums
In manchen Fällen habe sie anschließend über unsere Studierenden-WhatsApp-Gruppe gezielt nachgefragt. Schulz: „Es gab immer jemanden, der meine Fragen beantwortet hat.“ Dennoch seien beim Lernen durch ihre Schwerhörigkeit besonders viele Wiederholungen nötig. „Gleichzeitig kann ich pro Semester nicht an mehreren schriftlichen Prüfungen teilnehmen. Mir war von Anfang an bewusst, dass ich für mein Grafikdesign-Studium die Regelstudienzeit überschreiten werde, und das ist in Ordnung so.“
Ein ehemaliger Kommilitone und jetzt Absolvent aus demselben Studiengang muss sich wegen einer spastischen Lähmung seit seiner Geburt mit anderen Hindernissen auseinandersetzen. Der Rollstuhlfahrer berichtet, dass der Lehr-Lernprozess durch die Möglichkeit der Online-Lehrveranstaltungen überwiegend in seinem heimischen Umfeld stattgefunden habe.
Einschränkungen traten nur bei Präsenzterminen auf, etwa bei Prüfungen. Dazu gehörten lange Treppen im Eingangsbereich, einzelne Stufen und Kopfsteinpflaster. In einem Fall erhielt ich schnell Zugang über einen Seiteneingang, bei der zweiten Hürde Unterstützung durch Mitstudierende.
Thomas Erasimy, Absolvent des Grafik-Design-Studiums
Er ist überzeugt davon, dass sich viele schwierige Situationen mit offener Kommunikation lösen lassen. Erasimys Erwartungshaltung ist dabei realistisch: „Es ist wenig sinnvoll, immer und überall für alle alles möglich zu machen.“ Die reale Welt habe Hürden für alle Menschen – auch für Menschen ohne Behinderung. „Wichtig ist es, sich diesen Herausforderungen zu stellen und eigenständig nach Lösungen zu suchen.“
Alle Betroffenen haben gelernt, ihre Schwächen zu akzeptieren, passende Lösungen zu finden und Hilfe anzunehmen – im ganz normalen Alltag, in der Lehre und beim Studium. Speziell für Studierende mit Beeinträchtigungen bietet die DIPLOMA ebenso wie andere Hochschulen besondere Möglichkeiten, die sich auf das Absolvieren von Prüfungen richten – es geht dabei um einen sogenannten „Nachteilsausgleich“:
Jeder Studierende soll aus Sicht der DIPLOMA uneingeschränkt zeigen können, welche Potenziale in ihm stecken. Nachteilsausgleiche sollen helfen, auftretende Beeinträchtigungen (auch temporäre) auszugleichen, die einen Nachweis einer vorhandenen Befähigung erschweren.
Prof. Dr. rer. pol. Stephan Convent, Vizepräsident und Leiter des Prüfungsamtes
Wer einen prüfungsbezogenen Nachteilsausgleich an einer Hochschule in Anspruch nehmen möchte, muss vor der Prüfung einen formlosen Antrag an das Prüfungsamt stellen. Der Antrag sollte die Art der Beeinträchtigung (z. B. Krankheit, Behinderung) und den konkreten Bedarf (z. B. Zeitverlängerung, Hilfsmittel) enthalten. Wichtig ist ein ärztliches Attest oder fachärztliches Gutachten, das den Zusammenhang zwischen Beeinträchtigung und gewünschtem Ausgleich erklärt. Convent unterstreicht, jeder Fall sei individuell und werde gründlich geprüft.
Er betont zudem, dass die Leistungsanforderungen der Prüfung jedoch im Sinne einer Qualitätssicherung bestehen blieben. „Jeder Studierende muss die gleichen Standards erfüllen. Es geht nur um eine Erleichterung, dieses Ziel bei begründeten Einschränkungen zu erreichen.“ Als Beispiele nennt er zusätzliche Pausen bei Typ-1-Diabetes, elektronische Sehhilfe bei Sehproblemen, geeignete Prüfpersonen bei traumatischen Erfahrungen oder Onlineprüfung bei eingeschränkter Mobilität. „Die Beeinträchtigungen und die individuellen Bedürfnisse sind so vielfältig wie die Unterstützung der DIPLOMA.“
Illustrationen: Pia Teutenberg